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#2: Arizona

You can’t have your cake and eat it. Das war die Lehre aus Arizona. Entgegen früherer Jahre waren die Temperaturen wirklich angenehm, die Nächte sogar leicht kühl. Es war geradezu erholsam, in dieser frischen Luft zu fahren. Aber – auch entgegen früherer Jahre – war Rückenwind Fehlanzeige. Im Gegenteil hatten wir über weite Abschnitte mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Entsprechend waren die Durchschnittsgeschwindigkeiten. Der versierte Radfahrer weiß, was es bedeutet, wenn bei 240 Watt Durchschnittsleistung zum Schluss 22 km/h stehen. Wir haben uns Prescott, Sedona, Jerome und Flagstaff wahrlich hart erarbeitet, aber glücklicherweise stets bei einem Klima, das die Radfahrer nicht extrem belastet hat. Die lange Abfahrt in die kleine, 1898 von Goldgräbern gegründete und wie ein Relikt des Wilden Westens anmutende Stadt Jerome war dann wieder Bike Porn pur. Karl hat diese Abfahrt gemeistert, wie das nur jemand kann, dessen Arbeitsplatz das Bike ist. Während andere Racer bergab fahren, ist Karl geflogen, hat Auto für Auto überholt und einen kilometerlangen Vorsprung auf das Pace Car herausgeholt, das keine Chance hatte, an ihm dranzubleiben. Nur die traumwandlerische Sicherheit, mit der Karl sein Zeitfahrrad steuert, verhindert Todesängste, wenn man ihn aus dem Pace Car beobachtet, wie er Serpentine um Serpentine auf der Ideallinie mit Geschwindigkeiten von über 90 km/h meistert. Gegenüber einem „normalen“ RAAM-Fahrer ergeben sich so schnell 10-12 Min. an Vorsprung. Als wir ihn unten eingeladen haben, hat er gestrahlt und meinte: „Das war so geil“. Hätte ich die Abfahrt auch nur halb so schnell fahren müssen, wäre ich unten komplett erledigt gewesen, so viel Konzentration hätte mich das gekostet. Neben diesen Highlights hatte der zweite Tag beim RAAM aber auch viele Täler. Nach der ersten Nacht ohne Schlaf macht sich im Team die Erkenntnis breit, dass Abenteuer auch Schattenseiten haben. Und die Aussicht auf fünf weitere Nächte dieser Art machen es nicht besser. Bei den Radfahrern (zumindest bei mir) treten erste Dysfunktionalitäten auf: Müdigkeit auf dem Rad, erste Nacken- und Rückenschmerzen, Leistungsschwankungen und Ernährungsundiszipliniertheit auf der Suche nach bestmöglichen Energiespender. Der Körper reagiert auf die Belastungen der ersten 24 Std. und man fühlt sich nicht mehr im Steady State. Dieses Tal ist normal, man muss es einfach aussitzen, denn das nächste Hoch kommt bestimmt.

 

 

Peter Smeets