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#5: Kansas

Das von mir so gern als „Fly-over State“ gescholtene Kansas hatte zwei sensationelle Erlebnisse für mich parat, die mich diesen Teil der Strecke in 2019 in äußerst guter Erinnerung werden behalten lassen. Wir haben am sehr frühen Morgen die Grenze nach Kansas überfahren und haben es in der Pause, in der wir auf Team 2 gewartet haben, tatsächlich geschafft, im Gym einer Highschool zu duschen. Michael Kieß sah Licht in der Sporthalle brennen, hielt an und fragte, ob wir wohl schnell zu acht duschen gehen könnten. Uns wurde die Waschung gewährt, so dass wir nach drei Tagen zum ersten Mal mit einer Dusche in Berührung kamen. Danach ging es in die Schicht. Auch in Kansas war das Wetter anders als erwartet: Keine tropisch-schwüle Hitze, sondern geradezu angenehme Sommertemperaturen bei wolkenbedecktem Himmel. In meiner zweiten Schicht haben wir nach 2 Tagen, 22 Stunden und 35 Minuten den Half Way-Point (km 2480) durchfahren. Eine Top-Zeit. Das ganze Team stand Spalier, es gab eine kurze La Ola Welle, als ich den Punkt passierte, und unser Media Team hat ein ausgesprochen cooles Photo geschossen. Das war das erste Highlight des Tages. Am frühen Nachmittag schickte die Rennleitung uns folgenden Text: Tornado Warning. Take shelter now. Check local media. Da man im Shelter Zeit verliert, haben wir uns für’s Weiterfahren entschieden. Das Wetter, was dann kam, war krass. Sintflutartiger Regen über Stunden, ab und zu unterbrochen durch ein Gewitter. Angesichts des Wetters haben wir die Schichten von vier auf drei Stunden verkürzt und Karl und ich haben uns entschieden, jeweils 1 ½ Std. am Stück zu fahren, da umziehen bei kürzeren Turns völlig sinnlos gewesen wäre. Allerdings sind 1 ½ Std. Einheiten nach der Vorbelastung ein echtes Risiko, da mit Leistungsabfall und niedriger Geschwindigkeit zu rechnen ist. Zumindest bei mir ;-))) Karl ist unverdrossen zu seiner Schicht angetreten, so als sei ihm das Wetter gänzlich egal. Als er auf sein Rad stieg, lag Team 401 noch ca. 20 Minuten vor uns, 90 Minuten später hatte er den Abstand auf ca. fünf Minuten verkürzt. Was blieb mir übrig, als die Herausforderung anzunehmen? Wäre schön peinlich gewesen, wenn ich aus fünf wieder 20 Minuten Abstand gemacht hätte. Nach ca. 10 Minuten konnte ich die Blinklichter von Pace Car 401 vor mir sehen. Meter um Meter ging’s ran. Bei den Engländern brach eine gewisse Hektik aus. Alle vier Radfahrer wurden ins Pace Car eingeladen und alle 15-20 Minuten wurde der Fahrer gewechselt, um so den Speed zu erhöhen. Ist der totale Kick, das von hinten zu beobachten und zu spüren, dass die Beine gut sind und man den Wettkampf annehmen kann. Beim ersten Wechsel habe ich den Augenblick genutzt und bin mit 450 Watt davongezogen. Kurz bevor mir komplett schwarz vor Augen wurde, habe ich mich für meinen restlichen 90 Minuten-Turn bei 300 Watt eingependelt und mit einer Meile Vorsprung an Team 2 übergeben. Seither liegen wir auf Platz 2. Letztendlich sind das die Momente, wofür man das RAAM fährt. Nach 2700 km holt man ein Team ein und duelliert sich am Leistungsmaximum. Zeigt aber auch, was alles geht, wenn es sein muss. So etwas erlebt man nur bei einem solchen Abenteuer und niemals als Anwalt.

 

 

Peter Smeets